Carsten Strehlow
Jahrgang 1966, ist seit Januar 1999 aus Tierrechtsgründen Veganer (vorher über 10 Jahre Vegetarier). Seit 1995 ist er in Berlin im aktiven Tierschutz tätig. Er ist Verfasser mehrerer Artikel und Buchrezensionen in Vegetarismus- und Tierrechtszeitschriften.
Weihnachten und Ostern sind die größten Schlachtfeste auf Erden. Abermillionen Gänse, Enten, Lämmer und viele weitere Tierarten werden an diesen »christlichen« Feiertagen getötet. War Jesus kein Tierfreund?
Veg: War Jesus kein Tierfreund?
Carsten Strehlow: Ich bin davon überzeugt, dass Jesus ein Tierfreund war und dass er in seine universelle Liebe nicht nur die Tiere, sondern sogar auch die Pflanzen mit eingeschlossen hat
Veg: Ist die Tierliebe Jesu nur eine Vermutung - oder gibt es Anhaltspunkte zu dieser These?
Carsten Strehlow: Genauso wenig wie vollkommen nachgewiesen werden kann, ob Jesus überhaupt historisch existiert hat, lässt es sich auch nicht absolut beweisen, ob er nun Tiere gegessen hat oder nicht. Selbst wenn Jesus in unserer Mitte erscheinen und erklären würde, er hat keine Tiere gegessen, gäbe es sicherlich Menschen, die das dann trotzdem noch anzweifeln würden. Jesus hat z. B. gesagt: »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen« (Mt 5,44). Ein Satz, den wir selbst heute kaum begreifen, geschweige denn praktizieren können. Sowas hat er aber zu einer Zeit gesagt, als selbst die menschliche Sklaverei noch ganz legal war. So ein Satz wird heute kaum von jemandem in Frage gestellt, auch nicht im Hinblick auf die damalige Zeit. Aber ob Jesus Tiere gegessen hat, darüber gibt es heftigste Diskussionen - selbst in vegetarischen/veganen Kreisen!
Im Neuen Testament steht nirgends direkt geschrieben, dass Jesus Eier, Milchprodukte, Honig oder sogar Fleisch oder Fisch gegessen hat. Die einzige Erwähnung eines Eies (Lk 11,12) ist genauso sinnbildlich zu verstehen - in Form von Gleichnissen - wie die häufige Nennung der Fische. Das griechische Wort »opsarion« oder »opsom« bedeutet nicht »Fisch«, sondern »Zuspeise«, »Zubrot«, das damals zum Hauptnahrungsmittel Brot gegessen wurde. Fleisch-/Fischessende Theologen haben dieses natürlich gleich mit »Fisch« übersetzt. Der »Fisch« war auch ein Symbol des Urchristentums im damals angefangenen Fische-Zeitalter. Die 'Speisung' mit dem »Fisch« als »Zuspeise« muss symbolisch/spirituell und nicht materialistisch verstanden werden. Diese »Zuspeise« ist die frohe Botschaft Jesu, die dem Fische-Zeitalter die Erlösung bringen sollte. Es gibt nur eine einzige Stelle (Lk 24,42-43), wo erzählt wird, dass Jesus ein Stück gebratenen Fisch gegessen haben soll. Dieses soll nach seiner angeblichen Auferstehung stattgefunden haben und ist offenbar eine Erfindung vom Verfasser des Lukasevangeliums. Natürlich hat Jesus auch kein Passahlamm gegessen. Markus, Matthäus und Lukas schreiben zwar von einem Passahmahl, erwähnen jedoch dann nur Brot - kein Lamm! Im Johannesevangelium wird das letzte Abendmahl nicht als Passahmahl bezeichnet. Nach jüdischem Ritus wurden die Passahlämmer einen Tag vor dem Passahfest (Ostersamstag) geschlachtet und als Passahmahl gegessen, nämlich am Karfreitag. Alle vier Evangelien sind sich jedoch einig, dass Jesus am Karfreitag - dem Rüsttag - gekreuzigt wurde. Also zur selben Zeit, als die Schlachtung der Passahlämmer im Tempel stattfand. Demnach war Jesu Abschiedsessen einen Abend vorher, am Gründonnerstag, und kein Passahmahl! Die Zeitangaben bei Markus, Matthäus und Lukas sind einfach widersprüchlich und falsch.
Dagegen wird im Neuen Testament oft berichtet, dass Jesus vielmehr Früchte bevorzugt hat und zwar hauptsächlich Weintrauben und Feigen. Außerdem aß und empfahl er auch gerne Brot. Wir würden heute so eine Ernährung als frugivor bezeichnen, denn dabei werden auch keine Pflanzen geschädigt.
Veg: Gibt es noch andere Zeugnisse außerhalb der Bibel?
Carsten Strehlow: Es ist wichtig sich vom Bibel-Mythos zu lösen und Herz und Verstand zu aktivieren. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen und Jesus hat nichts selbst niedergeschrieben. Die moderne Textforschung hat herausgefunden, dass die Bibel nicht ein fertiges Buch ist, sondern eine Sammlung verschiedener Schriften, die über viele Jahrhunderte entstanden sind. Vom Neuen Testament ist keine Handschrift im Original vorhanden. Es existieren nur Abschriften von Abschriften. Vieles wurde fehlerhaft übersetzt oder falsch weitergegeben, vieles auch korrigiert oder sogar gefälscht. Hier die Wahrheit herauszufinden ist äußerst schwierig.
Es gibt auch außerbiblische Schriften, die Apokryphen und die Texte der Kirchenschriftsteller. Demnach sollen auch die wichtigsten Apostel Jesu, wie Petrus, Johannes und Matthäus, vegetarisch bzw. vegan oder sogar frugivor gelebt haben. Außerdem gibt es zwei Evangelien, wo sich Jesus ganz deutlich gegen das Essen von Tieren äußert: »Das Evangelium des vollkommenen Lebens« und »Das Friedensevangelium der Essäer«. Beide Evangelien gelten in der allgemeinen Theologie als Fälschung. Sicherlich ist ihre Echtheit schwer zu beweisen - nur wer kann die Echtheit der kanonisierten Evangelien bezeugen?
Ich bin der Meinung, dass Jesus aus einer essäischen Familie stammt. Gemäß den Aussagen der Historiker Philo von Alexandria und Flavius Josephus sowie des Neuplatonikers Porphyrius haben die Essäer vegetarisch bzw. vegan, alkoholabstinent und pazifistisch gelebt. Meines Erachtens macht die moderne Theologie den Fehler die Essäer mit den Qumranern gleichzusetzen. Das waren aber zwei völlig unterschiedliche Gruppen!
Besonders bemerkenswert ist auch, dass die Kirchenschriftsteller Hegesippus, Augustinus und Epiphanius über Jakobus, genannt der Gerechte - dem Bruder Jesu - ganz deutlich berichten, dass dieser keine Tiere aß, keinen Alkohol trank und weder Leder noch Wolle trug. Das Thomasevangelium bezeugt, dass Jakobus von Jesus selbst als sein Nachfolger eingesetzt wurde. Er war somit der erste Leiter der urchristlichen Gemeinde von Jerusalem - und nicht Petrus oder gar Paulus! Warum sollen Jesus und Jakobus von ihren gemeinsamen Eltern unterschiedlich großgezogen worden sein? Diese Aussagen über Jakobus sind für mich eine der wichtigsten Hinweise, dass auch Jesus selbst keine Tiere aß, keinen Alkohol trank und weder Leder noch Wolle trug. Ich behaupte, Jesus ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat sich frugivor ernährt, um auch das Leben der Pflanzen zu achten.
Veg: Wie entstand das fleischfressende Christentum?
Carsten Strehlow: Es gab zu Beginn zwei Richtungen: Einerseits das Judenchristentum, welches ursprünglich Nazoräertum, später dann Ebionäertum, genannt wurde, das die vegetarische/vegane, alkoholabstinente und pazifistische Linie vertrat und von Jakobus dem Gerechten, Petrus und Johannes, geleitet wurde. Andererseits entstand allmählich durch Paulus das sogenannte Heidenchristentum. Paulus hat Jesus selbst nie gekannt, auch vertrat er eine andere Theologie als die Nazoräer/Ebionäer. Um bei den Heiden erfolgreich missionieren zu können, machte er viele Zugeständnisse, auch bezüglich der Ernährung. Zwischen Paulus und den Aposteln kam es auch gerade deswegen immer wieder zu Streit. Letztendlich hat sich dann das paulinische Heidenchristentum, hauptsächlich aufgrund vieler Kompromisse mit der damaligen römischen Obrigkeit, gegenüber dem Judenchristentum durchgesetzt und formierte sich zur Kirche.
Veg: Inwieweit hat das heutige Christentum mit dem Urchristentum noch was zu tun?
Carsten Strehlow: Das heutige Kirchenchristentum, insbesondere das katholische, hat so gut wie nichts mehr mit dem nazoräischen Urchristentum und daher nichts mit Jesus zu tun.
Alleine durch Inquisition, Hexenverbrennungen, Kreuzzüge, Juden- und Frauenhass sowie Kooperation mit den Nazis ist die Geschichte der Kirche blutrot. Zur Ausbeutung der Tiere schweigen die Kirchen ebenso, wie sie zur Sklaverei geschwiegen haben. Selbst die in der Genesis (1,29-30) stehende vegane Schöpfungsordnung ignorieren sie genauso, wie die positiven Bekundungen ihrer Kirchen'väter'/-lehrer (z. B. Basilius, Hieronymus) zum Vegetarismus/Veganismus. Aber es hat es auch Gruppen gegeben, wie z. B. die Marcioniten, die Manichäer und wohl auch die Katharer, die an den urchristlichen Idealen festgehalten haben. Alleine schon deswegen wurden sie von der Kirche verfolgt.
Veg: Gibt es eine Hoffnung für die Tiere, dass die Zukunft tierfreundlicher sein wird?
Carsten Strehlow: Seit langer Zeit bewegt mich die Frage: Warum müssen die Tiere leiden bzw. was ist das Schicksal der Tiere? Bisher konnte ich auf diese schwierige Frage noch keine Antwort finden. Ich lehne es jedenfalls strikt ab, in dem Leid der Tiere auch nur irgendeinen Sinn zu sehen. Doch während wir gemeinsam über diese Frage grübeln, können wir schon mal beginnen, nicht nur keine Tiere mehr zu essen, sondern überhaupt keine tierlichen Produkte mehr zu konsumieren. Denn auch dafür werden Tiere ausgebeutet und getötet. Für mich ist der Veganismus mein ganz persönlicher Boykott gegen dieses Unrechtssystem.
Je eher wir damit beginnen, um so besser!
Literatur:
Carsten Strehlow:
Vegetarismus/Veganismus als Bestandteil des Christentums, Berlin, 2000
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Carl Anders Skriver:
Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen, Bad Bellingen, 1988
Robert Springer:
ENKARPA - Culturgeschichte der Menschheit im Lichte der pythagoräischen Lehre, Hannover, 1884



















