Der Traum
In der alten Zeit lebte ein fleißiger Metzger in einem kleinen Dorf in Vietnam, der das Schweinefleisch am Markt verkaufte. Jeden Tag stand er zu der dritten Wache auf, wenn er den Klang des Gongs der Dorfpagode hörte, den die Mönche regelmäßig beim Frühgebet schlugen. Der Metzger stand deswegen so früh auf, weil er die Schweine schlachten musste, um das Fleisch frisch und rechtzeitig zum Vormittagsmarkt zu bringen. Damals gab es noch keine Uhr. Daher richtete der Metzger seine Arbeitsstunden ausschließlich nach dem Gongschlag der Pagode. Sein Geschäft lief sehr gut, weil er auf diese Weise immer frisches Fleisch aus eigener Schweinezucht anbieten konnte.
Eines Abends bereitete er wie immer alle Werkzeuge für das Schlachten auf seinem Tisch vor, sah nach dem Schlachtvieh, legte sich ins Bett und fiel nach einem langen Arbeitstag sofort in tiefen Schlaf. In dieser Nacht aber geschah in der Pagode etwas Seltsames. Am Abend ging auch der alte Abt wie immer früh ins Bett, um die Novizen rechtzeitig wecken zu können. In dieser Nacht aber hatte er einen Traum. Im Traum sah er eine schwangere Frau, die weinend zu ihm lief und sich ihm zu Füßen warf. Unter Tränen flehte sie den Abt wieder und wieder an, sie und ihre Kinder zu retten, denn sie sei kurz vor der Entbindung ihrer Kinder, müsse aber bald sterben. Der Abt war bestürzt und gerührt von ihrem Kummer und Leid. Aber er wusste nicht den Grund, warum sie sterben müsse. So fragte er sie, wie er denn ihr und ihren Kindern helfen könne. »Ganz einfach«, sagte die Frau, »bitte lasse den Gong nicht bei der dritten Wache, sondern erst bei der fünften schlagen. Dann kannst du mich und meine Kinder retten.« Nachdem der Abt es ihr versprochen hatte, machte sie ihren Dankkotau und zog sich zurück.
Der Abt wachte auf und wunderte sich sehr über diesen Traum, es war bereits die dritte Wache. Der Abendstern hing schon schräg am Himmel, doch der Abt weckte diesmal die Novizen nicht, rezitierte allein und leise die Sutren.
Der Abt kochte sich Tee und wartete auf den hellen Tag. An diesem Morgen wunderten sich in allen Häusern des Dorfes die Menschen darüber, dass der Gong erst am Tag erklang. Man fragte sich, ob der betagte Abt vielleicht verschlafen hatte oder ob er wohl krank würde. Besonders aber ärgerte sich der Metzger. Denn als er vom Gongschlag aufgeweckt wurde, schaute er raus und sah die Sonne bereits über dem Haustor emporsteigen. Nun konnte er sein Vieh nicht mehr schlachten, da es für den Markt zu spät werden würde. So lief er zu dem Abt und wollte sich über die Faulheit der Novizen beschweren. Der alte Mönch, der im Begriff war, ins Dorf zu gehen, entschuldigte sich bei dem Mann und erzählte ihm von seinem Traum. Dann begaben sich beide ins Dorf.
Als der Metzger an seiner Haustür ankam, hörte er lauter fröhliches Grunzen im Stall. Metzger und Mönch eilten daraufhin zum Hintergarten und sahen im Stall das Schweineweib glücklich seine neugeborenen fünf Ferkel stillen. Es war jenes Schwein, das der Metzger hatte schlachten wollen, was er aber wegen der Verspätung des Gongschlags nicht mehr ausführen konnte.
Seitdem schlachtete der Metzger nicht mehr und verdiente seinen Unterhalt als Reisbauer.
Sinngemäß aus: Perry Schmidt-Leukel:
Die Religionen und Das Essen.
Hugendubel-Verlag, Kreuzlingen 2000.


















