Heidi erzählt ihre Geschichte
Veg: Heidi, Sie haben uns mitteilen lassen, dass Sie uns heute Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen.
Heidi (Name von der Redaktion geändert): Ich wurde in der Schattenwelt der Milchproduktion gezeugt, geboren und aufgezogen. Im Alter von 18 Monaten wurde ich künstlich befruchtet, damit ich ein Kind zur Welt bringe. Mein Besitzer kaufte dazu tiefgekühltes Sperma von einem so genannten Spitzen-Vater, den er sich aus dem Versandkatalog einer Besamungsstation ausgesucht hat. Von ihm wurden schon 65.000 meiner Leidensgenossinnen besamt. Ich musste ein paar Hormonpräparate schlucken, damit das teure Sperma mich auch sicher befruchtet.
Veg: Haben Sie das Kind geboren?
Im Alter von 27 Monaten brachte ich einen strammen Jungen namens Moritz zur Welt. Er wog stattliche 40kg, eine beachtliche Leistung für mich als junge Mutter, denn nach menschlichen Wachstumsmaßstäben gerechnet wäre ich erst 15 Jahre alt.
Veg: Haben Sie sich über die Geburt Ihres Sohnes gefreut?
Natürlich sehr! Doch mein Mutterglück währte nur zwei Stunden. Dann wurde mir mein Kind jäh entrissen. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Ich hörte noch Tage seine Rufe nach mir, er wurde im gleichen Haus gefangen gehalten. Ich habe lange geweint und verzweifelt nach meinem Sohn gerufen. Als ich damit nicht aufhören wollte, wurde ich angeschrien und geschlagen. Ich habe meinen Sohn nie wieder gesehen.
Meine Freundin hat mir gesagt, er werde gesondert gehalten und mit künstlicher Milch aufgezogen. Er würde damit gemästet und im zarten Alter von wenigen Wochen zu einem Mann transportiert, der mit einem Metallbolzen das Gehirn meines Babys zerfetzt, den kleinen Körper von Moritz an einem Bein aufhängt, die Halsschlagader mit dem Stichmesser aufschlitzt und den noch warmen Körper nach dem Ausbluten zerlegt.
Die Leichenteile meines Babys würden von den Menschen gerne gekauft, weil sie zart und hell sind, und sie bereiten sie zu Feiern im Kreise der Familie oder zu Einladungen von Gästen als Delikatesse zu. Ich konnte es nicht glauben, dass mein Besitzer, der mich oft tätschelt und mit mir spricht, sowas tut. Ich glaubte es einfach nicht. Nein, das waren für mich Verschwörungstheorien. So etwas gibt es einfach nicht - dachte ich. Heute weiß ich es besser.
Veg: Das ist eine unglaubliche Geschichte - wie ging es weiter?
Nun wurde jeden Tag, morgens um 6 und abends um 6, eine Maschine an meine Brust gehängt und täglich über 30 Liter Milch herausgesaugt. Nicht mein Baby bekommt die Milch, sie wird mit einem Lastwagen weggefahren. Den ganzen Tag vegetiere ich in einem sehr engen Verlies vor mich hin, zusammen mit meinen Schicksalsgenossinnen. Ich habe ständig Hunger und Durst, weil der enorme Milchraub mich auszehrt. Das meiste Futter esse ich nur, damit mein Körper die Milch erzeugen kann.
Meine Liegefläche, worauf ich 12 Stunden pro Tag liege, um wiederzukäuen oder zu schlafen, ist nur wenig größer als ein Bett von euch Menschen. Die Lauffläche im Verlies, das ich mit bis zu 200 Kolleginnen teile, ist bedeckt von Exkrementen, weil wir uns nirgendwo sonst erleichtern können. Unter der geschlitzten Lauffläche ist ein großes Urinsammelbecken, das alles auffängt – es stinkt schrecklich und ist voller Fliegen und anderen Plagegeistern ... Ich möchte so gerne diesem Folterkeller entfliehen; träume von grünen Wiesen, vom Wind und einer großen Kugel, die am Himmel steht und mich wärmt. Ich weiß nicht, ob es so etwas überhaupt in der Wirklichkeit gibt.
Veg: Heidi, wie sieht Ihr Alltag aus?
Melken, dann etwas essen, dann wiederkäuen, dann schlafen, dann wieder melken, dann wieder was essen, dann wieder wiederkäuen, dann wieder schlafen - alles von vorne, tagein, tagaus. Ich verstehe nicht, was die Menschen mit mir tun. Ich will gar nicht so viel essen - aber ich muss, weil der Energieentzug durch das Melken mich zwingt. Es ist ein elendes Gefühl, das sage ich Ihnen.
Veg: Wie konnten Sie den Verlust von Moritz überwinden?
Dazu hatte ich gar keine Zeit. Schon zwei Monate nach der Geburt von Moritz wurde ich erneut künstlich befruchtet, und nun hatte ich eine doppelte Bürde: Milch geben und ein neues Baby in mir heranwachsen lassen. Diese doppelte Last schwächte mich ungemein. Und dann die Angst: Vielleicht nehmen sie es mir ja wieder weg! Das ist kein Leben. Mein Euter entzündete sich, nicht zuletzt auch wegen dem ständigen Kontakt mit den bakteriell belasteten Exkrementen und verkeimtem Kraftfutter. Mein Fieber und meine Entzündungen wurden von einem Mann in weißem Kittel mit Antibiotika bekämpft. Mein Besitzer ärgerte sich über mich, weil er wegen der Antibiotika-Rückstände und den Eiter-Bakterien ein paar Tage meine Milch wegschütten musste. Recht geschah es ihm! Aber ich müsse schnell gesund werden, sagte meine Freundin, sonst machen sie mit mir das gleiche wie mit Moritz.
Veg: Was passierte mit dem zweiten Kind?
Ich bin also gesund geworden und habe einem Mädchen das Leben geschenkt. Doch als man mir auch die süße Vroni weggenommen hat, bin ich fast durchgedreht. Doch immerhin wurde meine Tochter am Leben gelassen. Doch meine Freundin nahm mir das bisschen Trost und sagte, Vroni werde nur großgezogen, um bald mich ersetzen zu können.
Nach zwei Monaten wurde ich erneut befruchtet. Eine weitere anstrengende Schwangerschaft folgte, und dann die Geburt von Oskar. Ich habe nicht mehr geschrien, als er mir weggenommen wurde, ich habe nur noch apathisch geweint. Ich konnte ja nichts tun.
(Anmerkung der Redaktion. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, wurde Oskar als Bulle gemästet und im Alter von zwei Jahren zum Schlachter gebracht - als Mensch wäre er etwa 15 Jahre alt gewesen. Seine Leichenteile wurden mit Steakmessern in mundgerechte Stücke geschnitten und noch halbblutig verschlungen - von elegant gekleideten menschlichen Nutztieressern, die sich geschickt mit Damastservietten sein Blut von ihren Lippen tupften, bevor sie den erlesenen Rotwein aus Kristallgläsern tranken.)
Veg: Wie stehen Sie das alles durch?
Ich bin fix und fertig. Die ständige Auslaugung durch das vampirhafte Melken der Maschine und die drei anstrengenden Schwangerschaften unter diesen tristen Umständen haben mich matt und mutlos gemacht. Die Euterentzündungen werden immer häufiger, die Tierarztrechnungen immer höher. Ich glaube, ich werde jetzt bald durch meine Tochter Vroni ersetzt, weil ich mich für meinen Besitzer nicht mehr lohne.
Mein Besitzer sagte zu einem anderen Mann, als sie mich begutachteten, ich hätte gemäß seiner Kalkulation meine Lebensleistung von fast 30.000 Litern Milch erbracht und mich somit amortisiert. Ich bin abgeschrieben, wie ihr Menschen sagt, sowohl buchhalterisch als auch als Lebewesen. Den letzten Umsatz, den er mit mir machen wird, ist das Blutgeld vom Schlachter. Aber ich bringe ihm nicht mehr viel ein: Meine Leichenteile sind zäh wegen all der Anstrengungen. Sie eignen sich, wie ich aus dem Gespräch erfahren habe, »nur noch für Gulasch, Sauerbraten oder für die Wurst«. Außerdem seien bloß noch 1/3 meines Lebendgewichtes verwertbar, weil viele Organe krank seien und vergiftet von den Rückständen des jahrelangen Medikamenten-Missbrauchs. Wie ich hörte, gelte ich als »Altkuh«, obwohl ich als Mensch noch nicht mal 20 Jahre erreicht hätte. Ich bin bloß eine »disposable cow«, wie man in England sagt, eine Wegwerfkuh: drei Jahre lang riesige Milchmengen und gute Nachkommen, dann Krankheit und Schlachthof.
Veg: Wie geht es jetzt weiter?
Sehen Sie mich an! Ich bin am Ende. Morgen, das spüre ich, werde ich auf dieselbe qualvolle Weise getötet wie meine geliebten Kinder. Es war ein furchtbares Leben voller Angst, Leid und Schmerzen. Bitte drucken Sie unser Gespräch in Ihrer Zeitschrift ab, damit die Menschen von dem unermesslichen Leid, von uns »Schlachttieren« erfahren und ihr Herz berührt werden kann. Vielleicht ändert dadurch so mancher seine Essgewohnheiten und setzt sich für uns Rechtlose ein. Dann hätte mein Leiden wenigstens etwas bewirkt...


















