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Silke Dziallas

Dipl. oec. troph.

Macht Milch müde Männer munter? Von wegen! Studien
bringen zutage: Der Verzehr von Milch und Milchprodukten erhöht das Risiko, an Prostata-krebs zu erkranken. Auch andere Zivilisationskrankheiten wie Osteoporose, Krebs, Parkinson, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden von Medizinern mit dem Milchkon-sum in Zusammenhang gebracht.Wir sprachen mit der
Oekotrophologin Silke Dziallas.

Ve g: Frau Dziallas, ist Milch gesund?

Silke Dziallas: Ja, für das Kalb! Für den Menschen sieht das ein wenig anders aus: Eine im August 2003 veröffentlichte Studie der Harvard Universität ergab bei Milchtrinkern ein um 32% höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken - inzwischen die vierthäufigste Tumorerkrankung bei Männern weltweit. Als besonders bedenklich erwies sich die Kombination von Milch mit »rotem Fleisch«, also Rind-, Schweine- oder Lammfleisch. An einer japanischen Universität wurde zudem ein Zusammenhang zwischen Milchkonsum und dem verstärkten Auftreten von Hodenkarzinom festgestellt. Und Wissenschaftler der Harvard Medical School konnten im Rahmen der Nurses Health Studie bei hohem Milchkonsum eine Zunahme des Risikos für Eierstocktumore um 44% feststellen. Bei Frauen, die täglich zwei oder mehr Gläser Milch getrunken hatten, lag die Zunahme sogar bei 66 %.

Ve g: Es heißt doch, Milch sei gut für die Knochen?

Silke Dziallas: Dass Milch wegen ihres hohen Calciumgehalts besonders gesund sei oder sich gar positiv auf den Knochenaufbau auswirken könnte, ist eine Annahme, die wissenschaftliche Studien mittlerweile widerlegt haben. Man hat festgestellt: Frauen, die das meiste Eiweiß durch tierische Lebensmittel zu sich nahmen, hatten eine 3fach höhere Knochenschwundrate und ein 3,7fach höheres Hüftfrakturrisiko als Frauen, die das meiste Eiweiß aus pflanzlichen Nahrungsmitteln bezogen (Studie der Universität von Kalifornien, 2001).

Ve g: Wie kommt das?

Silke Dziallas: Tierische Produkte enthalten neben Calcium auch viele schwefelhaltige Aminosäuren und sind sehr phosphatreich, was zu einer erhöhten Calciumausscheidung führt. Im Jahr 2000 wurde im »American Institute of Clinical Nutrition« eine große Übersichtsarbeit veröffentlicht, in der alle Studien seit 1985 über den Zusammenhang zwischen der Knochenqualität und dem Konsum von Milchprodukten ausgewertet wurden. In 21 Studien zeigt der Milchkonsum immerhin zu 71 % keinen positiven - oder sogar negativen Effekt auf die Knochengesundheit.

Ve g: Sind Menschen, die keine Milch trinken gesünder?

Silke Dziallas: Bezeichnend ist ja, dass ausgerechnet Bevölkerungsgruppen mit einer niedrigen Calciumzufuhr weniger Knochenfrakturen aufweisen. Und: Die höchste Osteoporoserate findet sich in den klassischen Milchländern wie USA, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Finnland. Zum Vergleich: Afrikanische Bantu-Frauen nehmen keinerlei Milchprodukte zu sich, die Calciumzufuhr entspricht nur der Hälfte der hierzulande empfohlenen Menge und sie haben häufig bis zu 10 Kinder, die sie etwa 10 Monate lang mit Muttermilch versorgen - trotzdem ist bei diesen Frauen Osteoporose nahezu unbekannt. Wenn jedoch dieselben Frauen in westliche Länder kommen und die dortigen Ernährungsgewohnheiten übernehmen, tritt Osteoporose recht häufig auf.
Ve g: Aber für Kinder ist die Milch ungefährlich?

Silke Dziallas: Leider nein! Besonders unter Kindern ist die Zunahme von Diabetes besorgniserregend. Für einen Zusammenhang zwischen dem Typ
1-Diabetes und dem Milchkonsum gibt es inzwischen so viele Hinweise, dass die amerikanische Akademie für Kinderheilkunde eine Warnung formulierte: Die frühe Gabe von Kuhmilch bei Säuglingen sei mitverantwortlich für die Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen.

Ve g: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kuhmilch und Allergien?

Silke Dziallas: Auch am zunehmenden Auftreten von Allergien scheint der Milchkonsum beteiligt zu sein. Rund zwei Prozent aller Kinder über zwei Jahre haben eine akute Kuhmilchallergie, was im zunehmenden Alter das Risiko für andere Lebensmittelallergien zusätzlich erhöht. Und: Bei 20 % der Neurodermitiskranken sind Lebensmittelallergien vorhanden, bei denen Kuhmilch die Hauptrolle spielt.

Ve g: Gibt es noch andere Risiken durch den Konsum von Milch?

Silke Dziallas: Der Milchtrinker muss auch ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen, an Morbus Parkinson, der Schüttellähmung, zu erkranken. Und schließlich: In zahlreichen Studien konnte ein Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgewiesen werden, wobei der Gehalt an Cholesterin und gesättigten Fettsäuren ebenso eine Rolle spielte wie das Milcheiweiß.

Ve g: Muss man vor dem Konsum von Milch warnen?

Silke Dziallas: Angesichts der gesundheitlichen Risiken, die mit dem Milchkonsum verbunden sind, ist die Frage berechtigt, ob Milch als Nahrungsmittel überhaupt geeignet ist - besonders in diesen großen Mengen, wie wir sie in den westlichen Industriestaaten konsumieren. Tatsache ist, dass der Mensch mit seinem Milchkonsum unter den Säugetieren ein Exot ist. Kein anderes Säugetier trinkt Milch, die ja zur Aufzucht der Jungen gedacht ist, bis ins Erwachsenenalter hinein. Und dass gar die Muttermilch einer andern Art konsumiert wird, ist ein ansonsten nicht auftretendes Phänomen. Wen wundert es da, dass weltweit von 80-90% der erwachsenen Bevölkerung Milch gar nicht vertragen wird? Das Enzym Laktase, das den Milchzucker Laktose in seine verdaulichen Bestandteile aufspaltet, verschwindet mit zunehmendem Alter aus unserem Darm. Das Ergebnis heißt »Laktose-Intoleranz«, also Milchzuckerunverträglichkeit, und geht mit Bauchschmerzen, Koliken, Völlegefühl, Blähungen, Durchfall und Übelkeit einher. Die Europäer, die entwicklungsgeschichtlich zu den kaukasischen Völkern gehören, haben sich an die veränderten Ernährungsgewohnheiten am ehesten angepasst und können Milchzucker noch am ehesten vertragen. Alle afrikanischen, indischen und australischen Völker hingegen reagieren auf Milchkonsum im Erwachsenenalter noch »normal«, in dem Fall mit Unverträglichkeit.

Ve g: Da könnte einem die Lust auf Milch wirklich vergehen...

Silke Dziallas: Stimmt... Genau betrachtet ist Milch als Drüsensekret alles andere als appetitlich: 1 ml Rohmilch enthält durchschnittlich 363.000 weiße Blutkörperchen und 24.400 Bakterien – ähnlich einer verdünnten Eiterflüssigkeit...

»Vegane« Mütter haben die beste Milch

Ähnlich wie mit dem Fleisch werden auch mit der Milch die Schadstoffe, die das Rind über die Nahrung aufnimmt, konzentriert an den Konsumenten weitergegeben. Fleisch enthält im Schnitt 14 mal mehr Pestizide als pflanzliche Nahrungsmittel; Milchprodukte enthalten fünf mal soviel [1]. Es ist auch nicht verwunderlich, dass eine Frau diese Giftstoffe, die sie durch ihre Nahrung ständig aufnimmt, auch in ihrer Milch in hoher Konzentration ihrem Säugling weitergibt. Bei den zahlreichen Untersuchungen der menschlichen Mutter-milch konnte man feststellen, dass sich in der Muttermilch umso mehr giftige Substanzen aufsummieren, je mehr Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier und Milchprodukte die Mutter konsumiert hatte [2]. Eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie stellte sogar fest, dass selbst die schlechtesten Werte der Milch von vegetarisch lebenden Müttern noch besser sind als die besten Werte von nicht vegetarisch lebenden Müttern (im Schnitt war die Vergiftung der Muttermilch von vegan lebenden Müttern 35 mal niedriger als diejenige des Durchschnitts) [3].



[1] Lewis Regenstein: How to Survive in America the Poisoned, Acropolis Books, 1982, Seite 103

[2] Environmental Quality 1975 , The Sixth Annual Report of the Council on Environmental Quality, Washington D.C., Dec. 1975, Seite 375.

[3] New England Journal of Medicine, 26. März 1981