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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
Artikel: Toxoplasma-Parasit Coole Tees Auch Fische fühlen Gastfreundschaft Gastmahl des Emir Die Verfolgten Die Totmacher Heimat für Tiere

Tötet Fleischessen das Gefühl?

Die verdrängte Gefahr: der Toxoplasma-Parasit

Dr. med. Hans-Günter Kugler

Ärztegesellschaft zur Förderung der vegetarischen Ernährung e.V. www.fleisch-macht-krank.de

Der Fernsehsender BBC hat einen Dokumentarfilm produziert und ausgestrahlt, der alle Fleischesser schocken dürfte: Der Konsum von rohem oder halbgegartem Fleisch soll das Verhalten von Mensch und Tier nachhaltig beeinflussen. Toxoplasma nennt man den Parasiten, der eigentlich die Hauskatze als Wirt hat. Doch über das Essen von rohem oder halbgarem Fleisch von Säugetieren kann er in den menschlichen Körper gelangen, wo er im Hirn kleine Zysten bildet. Bislang wurde diesem Geschehen keine große Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl 50% der Deutschen und 33% der Weltbevölkerung von diesem Parasiten bereits infiziert sind. In Frankreich, wo das rohe Tatar besonders beliebt ist, sind es sogar 80%. Erst in jüngster Zeit haben Wissenschaftler entdeckt, dass dieser Parasit so einiges mit dem Menschen anstellen kann. Die Resultate, auch wenn sie erst an wenigen Menschen erforscht wurden, sind alarmierend. Wir fragten Herrn Dr. med. Hans-Günter Kugler, was die Wissenschaft bisher über diesen Parasiten herausgefunden hat.

Veg: Herr Dr. Kugler, bei Ratten, die mit Toxoplasma infiziert wurden, haben Wissenschaftler eine komplett veränderte Verhaltensweise beobachtet. Die Ratten sind nicht mehr vorsichtig und ängstlich, sondern frech, unvorsichtig, waghalsig und bewegen sich ein wenig wie der Elefant im Porzellanladen. Sogar die instinktive Angst vor der Katze scheint verloren gegangen zu sein.1) Gibt es ähnliche wissenschaftliche Erkenntnisse auch beim Menschen?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Zu diesem Thema gibt es bereits einige Publikationen. Natürlich muss man dazu sagen, dass diese Untersuchungen meist noch nicht großflächig angelegt wurden. Trotzdem zeichnet sich eine Tendenz ab, die doch sehr erstaunlich ist und sehr zu denken gibt. Da gibt es z.B. eine Untersuchung der renommierten Karls-Universität in Prag2), die aufzeigt, dass die Reaktionsfähigkeit bei Toxoplasma-infizierten Menschen langsamer ist als die der nicht infizierten Probanden. Eine Untersuchung von Beteiligten bei Verkehrsunfällen bringt noch Erstaunlicheres zu Tage. Der Anteil von Toxoplasma-infizierten Menschen an Verkehrsunfällen war um den Faktor 2,65 mal höher als der der Nichtinfizierten - also mehr als doppelt so hoch. Dies ist erstaunlich und sollte Anlass geben, über die unterschätzten Gefahren nachzudenken, die mit Toxoplasma - und somit mit dem Verzehr von Fleisch - verbunden sein können.

Veg: Herr Dr. Kugler, kann man also sagen, das Essen von halbgarem Fleisch kann zu einem erhöhten Verkehrsunfallrisiko führen?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Zumindest hat die Untersuchung der Prager Universität es so ergeben. Die Autoren der tschechischen Studie bemerken in ihrem Schlusswort, dass eine asymptomatische Toxoplasmose in der Tat nicht nur ein ernstzunehmendes und in hohem Maße unterschätztes öffentliches Gesundheitsproblem darstellen könne, sondern schlussendlich auch (durch das 2,6 mal überhöhte Verkehrsunfall-Risiko von 50% der Bevölkerung) ein ökonomisches Problem.3)

Veg: Das klingt ja unglaublich. Gibt es noch andere wissenschaftliche Untersuchungen, die Ähnliches feststellten?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Eine interessante Studie wurde 1996 veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass Toxoplasmose-infizierte Patienten, im Vergleich zu einer nicht infizierten Gruppe, eine verminderte Bereitschaft aufwiesen, bestimmte moralische Gruppenstandards zu akzeptieren (the willingness to accept group moral standards).4)

Veg: Auch die 10 Gebote könnte man als einen moralischen Gruppenstandard bezeichnen. Darin gibt es ja auch das Gebot "Du sollst nicht töten". Ist es möglich, dass durch häufiges Konsumieren von halbgarem Fleisch das Gewissen oder das Mitgefühl für die Mitgeschöpfe, die Tiere, nach und nach verloren geht? Dass also ein verheerender Kreislauf entsteht, dem immer mehr Tiere zum Opfer fallen - so wie wir das heute beobachten?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Das sind jetzt natürlich Spekulationen. Aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Daten könnte es aber tatsächlich in diese Richtung gehen. Denn DIE ZEIT berichtete bereits am 25.4.2001 in einem aufschlussreichen Artikel über den amerikanischen Virologen Fuller Torrey von der John Hopkins Universität in Baltimore. Dieser hatte bei Untersuchungen an 53 000 schwangeren Frauen festgestellt, dass Mütter von schizophrenen Kindern auffallend häufiger Antikörper gegen Toxoplasmose hatten. "Die Toxoplasmose, so glaubt Torrey, schädigt den Hippocampus der Kinder, das Zentrum des limbischen Systems, das Gefühle und Verhalten steuert." Man kann sicher davon ausgehen, dass bei einer Schädigung des limbischen Systems Mitgefühl und Einfühlungsvermögen in Mitleidenschaft gezogen werden können.

Veg: Gibt es noch andere wissenschaftliche Untersuchungen, die auf eine Störung der Gefühlsebene durch eine Toxoplasma-Infektion hinweisen?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: 1999 wurde eine weitere Studie der Prager Karls-Universität publiziert. In dieser Untersuchung wurden 191 schwangere Frauen auf Toxoplasmose-Antiköper untersucht und ein Persönlichkeitsprofil erstellt. Bei Testpersonen mit latenter Toxoplasmose wurde unter anderem eine verringerte Schuldeinsichtsfähigkeit nachgewiesen. Dies wiederum würde die Auffassung Torreys bestätigen.6) Im Juli 2003 erschien eine weitere Publikation der Prager Arbeitsgruppe in der renommierten Fachzeitung »Biological Psychology«. 857 Rekruten wurden auf Toxoplasmose-Antikörper untersucht und einem standardisierten Persönlichkeitstest unterzogen.7) Die Testpersonen mit Toxoplasmose-Antikörpern hatten eine verminderte Neugierde und Lernwilligkeit, d.h. keinen Antrieb für weitere höhere Bildung - und dies umso ausgeprägter, je länger die Person bereits infiziert war.

Veg: Sind Vegetarier auf der sicheren Seite, was den Toxoplasma-Parasiten angeht?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Es gibt eine wissenschaftliche Untersuchung bei den "Seventh Day Adventists" in Maryland.8) Die meisten Adventisten essen kein Fleisch. Es wurden bei ihnen auch "nur" bei 24% Toxoplasmose diagnostiziert, während der Schnitt der übrigen Bevölkerung bei 50% und mehr liegt. Also scheint das Risiko schon mal nur halb so groß zu sein. Aus den mir vorliegenden Unterlagen ist aber nicht ersichtlich, wie lange die einzelnen Personen kein Fleisch mehr essen. Denn man kann sich die Infektion natürlich schon in frühen Jahren zugezogen haben, außer man lebte seit der Geburt fleischlos. Vielleicht hängt die Intensität einer Infektion von der Masse des kritischen Materials ab, das ich mir im Laufe des Lebens zugeführt habe. Insoweit wäre es natürlich ratsam, kein unnötiges Risiko mehr einzugehen. Zum anderen kann man sich natürlich auch anderweitig infizieren, z. B. über Katzenkot. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass nach aktuellen wissenschaftlichen Daten das Ansteckungsrisiko durch den Fleischkonsum in Europäischen Ländern 5-10 höher liegt als z.B. durch Kontakt mit infiziertem Katzenkot.9)

Es gibt ja inzwischen sehr viele wissenschaftlich begründete Argumente, die gegen den Fleischkonsum sprechen - von den ethischen Gründen einmal ganz abgesehen. Der Toxoplasma-Parasit ist aber ein neues hochaktuelles Beispiel. Denn wenn wirklich umfangreichere Studien ergeben, dass die Parasitenaufnahme über den Fleischkonsum die Gefühlswelt des Menschen negativ beeinflussen kann, so hätte das eine Brisanz 1. Ranges und dürfte nicht unterschätzt werden. Ein Blick in die heutige Welt mit ihren Kriegen, ihrer Kriminalität, Brutalität und ihrem in vielen Ländern steigenden Fleischkonsum weist jedenfalls in diese Richtung.

Veg: Gibt es ein medizinisches Gegenmittel gegen Toxoplasmose?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Mir ist keines bekannt. Einzige sinnvolle Vorbeugung: Den Fleischverzehr mäßigen und nach und nach ganz aufgeben.

Veg: Herr Dr. Kugler, vielen Dank für das Gespräch.

Quellen

1) Parasiten, die Killer in uns; BBC 2004, DVD, ISBN 3-8312-8937-9

2) Havlicek J. et al: Decrease of psychomotor performance in subjects with latent ‚asymptomatic' toxoplasmosis; Parasitology. 2001; 122(Pt 5): 515-20

3) Flegr J. et al: Increased risk of traffic accidents in subjects with latent toxoplasmosis: a retrospective case-control study; BMC Infect Dis. 2002 Jul 2; 2(1): 11. Epub 2002 Jul 02

4) Flegr J. et al: Induction of changes in human behaviour by the parasitic protozoan Toxoplasma gondii; Parasitology. 1996 Jul; 113 (Pt 1): 49-54

5) Flegr J. et al: Changes in the personality profile of young women with latent toxoplasmosis. Folia Parasitol (Praha).
1999; 46 (1):22-8

6) Torrey: Toxoplasmose = Auslöser von Schizophrenie; Die Zeit. 25.4.2001

7) Flegr J. et al: Decreased level of psychobiological factor novelty seeking and lower intelligence in men latently infected with the protozoan parasite Toxoplasma gondii Dopamine, a missing link between schizophrenia and toxoplasmosis? Biol.Psychol. 2003 Jul; 63(3): 253-68

8) Roghmann MC. et al: Decreased seroprevalence for Toxoplasma gondii in Seventh Day Adventists in Maryland; Am J Trop Med Hyg. 1999 May; 60(5): 790-2

9) Gilbert R.E. et al: Sources of toxoplasma infection in pregnant women: European multicentres case-control study. BMJ 2000; 321: 142 (15 July 2000)

Isaac Bashevis Singer

(jüdisch-amerikanischer Schriftsteller, Nobelpreis 1978) »Wir sind alle Gottes Geschöpfe - dass wir um Gnade und Gerechtigkeit beten, während wir weiterfahren, das Fleisch der Tiere zu essen, die um unseretwillen geschlachtet wurden, ist unvereinbar.«