Luigi Falorni
geb. 1971 in Florenz, 1994-2003 Studium an der HHF München. „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ ist sein Abschlussfilm an der HHF. (Regie und Kamera)
Frühling, Süd-Mongolei, Wüste Gobi: In der Kamelherde einer Nomadenfamilie kommt ein weißes Fohlen zur Welt. Seine Mutter ist verstört von der schweren Geburt und verstößt es. Immer wieder nähert sich das Junge verzweifelt der Mutter und kämpft um Milch und Liebe. Doch die Mutter lässt es nicht an sich heran. Alle Hoffnung für das Kleine scheint verloren.
Da besinnen sich die Hirtennomaden auf ein altes Ritual: Mit Hilfe eines Musikers besänftigen sie die Kamelmutter derart, dass sie in einen anderen Gemütszustand verfällt und sich unter Tränen auf ihr Junges einlässt. Im Süden der Wüste Gobi drehten Luigi Falorni und Byambasuren Davaa (Studenten der Filmhochschule München) das Dokumentarfilmdrama „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ - und einem verstoßenen weißen Kamelfohlen. Der Film - nur als Abschlussarbeit der Filmhochschule gedacht - erobert nun die Herzen von Millionen Zuschauern in der ganzen Welt.
Byambasuren Davaa
geb. 1971 in Ulaanbaatar, Mongolei. 1989-94 Moderatorin beim Mongolischen Staatlichen Fernsehen. „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ ist ihr 2. Film an der HHF München (Regie)
Veg: Herr Falorni, in Ihrem Film „Die Geschichte vom weinenden Kamel”, bei dem Sie als Regisseur und Kameramann mitgemacht haben, wird gezeigt, wie eine Kamelmutter, die ihr Junges ablehnt, durch Streicheln, Singen und Geigenspiel so stark gerührt wird. dass sie große Tränen weint und in dieser Gemütsstimmung ihr Junges annimmt. Diese Szene ist sehr rührend. Mussten Sie da für den Film ein wenig nachhelfen?
Luigi Falorni: Nein, gar nicht! Die ganzen Szenen sind echt. Es wäre auch sehr schwierig gewesen, die Kamele zu trainieren. Sie lassen sich nicht für so eine Szene manipulieren. Sie haben einen starken eigenen Willen ...
Veg: Was passiert genau mit der Kamelmutter bei diesem Ritual?
Luigi Falorni: Durch die ganze Hinwendung, das Streicheln, das Singen und das Geigenspiel wird das Kamel gerührt, es bekommt andere Gefühle. So kann es seine Meinung ändern und ihr Kleines annehmen. Das gleiche machen die mongolischen Nomaden auch mit ihren Schafen, Am Abend, wenn viele Hundert Schafe zurückkehren, passiert es oft, dass einige Junge verloren gehen. Dann wird auch die Mutter gestreichelt und es wird gesungen. So beruhigt sie sich wieder und findet ihre Jungen. Es ist nicht so spektakulär wie bei den Kamelen, weil man bei den Schafen nicht beobachten kann, dass sie weinen. Es gibt im Film auch eine kleine Szene mit einem Mutterschaf, das ihr Junges verloren hat.
Veg: War das ein Glücksfall, dass Sie genau im richtigen Moment am richtigen Ort waren, um dieses Geschehen zu filmen?
Luigi Falorni: Ja. Wir haben natürlich vorher recherchiert und eine Familie ausgesucht, die viele Kamele hat, so 20 bis 40. Da ist die Chance größer, dass soetwas passieren könnte. Wir sind auch genau zu dem Zeitpunkt in die Wüste Gobi gereist, da die Kamele ihre Jungen bekommen. Trotzdem war es ein großes Glück. Alle Kamele bekamen ihre Jungen und es gab keine Probleme. Bis dann die letzte Mutter dieses weiße kleine Kamel zur Welt brachte. Wir sahen die weißen Beine kommen und haben gedacht: Was ist denn das?
Veg: Wie lange waren Sie mit ihrer Truppe in der Wüste, und wie haben Sie da gelebt?
Luigi Falorni: Wir waren sieben Wochen bei den Nomaden, und man hat uns einige Hundert Meter von der Familie entfernt ein Zelt aufgebaut. Wir haben unter den gleichen Bedingungen gelebt wie die Nomadenfamilie. Nachts war es bis 20 Grad minus und tags wieder 20 Grad plus. Wir haben auch Schneesturm und Sandsturm erlebt in der Wüste.
Veg: Frau Byambasuren Davaa, was wäre aus dem Kamelbaby geworden, wenn das Musikritual nicht angewendet worden wäre oder nicht gewirkt hätte?
Byambasuren Davaa: Das Kamelbaby hätte nicht aufgehört zu weinen. Das hätte kein Mensch ausgehalten. Dieses herzzerreißende Weinen. Kamele ertragen ganz schwer die Trennung von Mutter und Kind. Sie müssen das Trauma aufarbeiten, und das erreichen die Nomaden durch Musik, durch Gesang. Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, ist mir kein Fall bekannt geworden, bei dem das Ritual nicht funktioniert hätte. Ich habe mit sehr vielen Nomaden darüber gesprochen, aber ich habe nie gehört, dass es nicht funktioniert. In unserem Fall hat es einen Tag gedauert. Aber von den alten Nomaden weiß ich, dass es in anderen Fällen auch mehrere Tage so ging. Wenn einem alten Tier so etwas zustößt, dann hält dieser Zustand länger an. Jedes Kamel ist ein Individuum. Deshalb dauert es bei jedem Tier unterschiedlich lang. Das hängt auch von dem Charakter des Tieres ab.
Veg: Was hätten Sie getan, wenn Sie keine Kamelmutter gefunden hätten, die ihr Fohlen verstößt?
Byambasuren Davaa: Es gibt mehrere Fälle, bei denen das Musikritual angewendet wird. Ausgegangen sind wir davon, dass irgendeiner der Fälle eintritt: sei es nach dem Tod eines Muttertieres durch Krankheit oder nach dem Tod eines Fohlens durch einen Angriff von Wölfen. Der Herr, der Naturgeist oder wie immer man es nennen mag, hat uns nicht mit dem traurigen Fall konfrontiert, dass ein Tier stirbt. Das war Glück.
Veg: Wie lautet der Text des Liedes, das bei dem Ritual gesungen wird?
Byambasuren Davaa: Das angewandte Musikritual hat keinen Text, nur vier Buchstaben. In unserem Fall sind das die vier Buchstaben „Hoos“ (Kamel). Es wird die ganze Zeit nur dieses Wort „Hoos“ wiederholt. Das Wort an sich hat keine Bedeutung. Nur eine Wirkung. Es ist keine festgeschriebene Musik oder Melodie. Jeder macht es, wie er will, oder wie er es empfindet. Bei Schafen wendet man zum Beispiel die Buchstaben „Toig“ (Schaf) an. Das sind auch nur vier Buchstaben, die wiederholt werden: „Toig“, „Toig“, „Toig“. Jedes Tier hat seinen eigenen Laut. Vielleicht ist es der Laut, den es als Nähe wahrnimmt. Ich weiß nicht, wie sich das entwickelt hat, die Leute haben das immer so gemacht und weitergegeben.
Veg: Herr Falorni, Sie haben sieben Wochen mit den Nomaden in der Wüste Gobi gelebt, was hat Sie da am meisten berührt?
Luigi Falorni: Die Faszination, die von der Lebenskultur der mongolischen Nomaden ausgeht, war für mich als fortschrittsorientierten Europäer enorm. In der Wüste ist Gleichgewicht alles. Der Mensch unterwirft sich den Gesetzen der Natur, wird zum bescheidenen Diener seiner Tiere, zum Beispiel wenn der Lebenskreis durch eine verwirrte Kamelmutter auseinander zu gehen droht. Bedingungsloses Engagement für das Leben, ein respektvoller Umgang mit der Umwelt bestimmen jedes Handeln: vom Holzsammeln, Essen-Vorbereiten, Die-Kinder-in-den Schlaf-Wiegen bis hin zu einem bud-dhistischen Ritual, bei dem die Naturgeister gebeten werden, zu ihren Stellen zurückzukehren, nachdem sie von ausbeuterischen Menschen vertrieben worden sind.
Das Projekt wurde für mich zur Chance, zurück zu einem naiven Blick zu finden. Der Nomadenfamilie, der wir begegnet sind, ist jegliche Art von Zynismus fremd. Sie wissen nicht, was eine Parodie ist. Alles ist für sie echt und einmalig. Und so fühlt man sich in ihrer Anwesenheit auch selbst echter und einmaliger. Ein wunderschönes Gefühl, das irgendwie an Kindheit erinnert.
Verlag Das Brennglas/Andrea Kriegl/www.weepingcamel.com
Luigi Falorni
(Regisseur): »In der Wüste ist Gleichgewicht alles. Der Mensch unterwirft sich den Gesetzen der Natur, wird zum bescheidenen Diener seiner Tiere.«


















