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Die Hirsche und Rehe von Nara
Ein kurioses Relikt, das an die einstige Mensch-Tier-Beziehung erinnert, sind die Hirsche von Nara. Nara ist eine Stadt mit etwa 400.000 Einwohnern, die im Süden der Hauptinsel Honshu liegt. Ursprünglich war Nara die Residenz der Adelsfamilie Fujiwara, die dort ihren Familienschrein, den großen Kasuga-Schrein (Kasuga Taisha) für die Ahnenverehrung hatten. Der Schrein ist mit dem buddhistischen Tempel Kôfuku-ji verbunden, eine typische Mischung aus Shintoismus und Buddhismus, der ebenfalls der Familie Fujiwara unterstellt war.

Gottheiten auf Hirschen
Die vier Gottheiten des Kasuga-Schreins reiten auf Hirschen. Deshalb durfte im ausgedehnten Wald des Kasuga-Schreins keine Hand an die Natur angelegt werden; Hirsche und Rehe standen unter dem besonderen Schutz der Familie Fujiwara und des Tempels und verloren ihre Scheu vor dem Menschen. Seit damals - mehr als 1000 Jahre sind vergangen - haben sich die Nara-Hirsche natürlich stark vermehrt.

Hirsche ohne Scheu
So bevölkern heute rund 1200 Hirsche den Wald, in dem sich der Kasuga-Schrein und der Tempel Kôfuku-ji befinden, und sie sind auf den Straßen und Plätzen Naras überall anzutreffen. 1998 wurde ein ganz weißer Hirsch geboren, der derzeit als Momo verehrt wird, weil er an eine buddhistische Legende erinnert. Albinos werden im gesamten asiatischen Raum als "heilige" Lebewesen oder als Glücksbringer verehrt. Leider ist Momo aber schwächlich und kann nicht mit den anderen Hirschen zusammenleben. Einmal pro Jahr findet im Kasuga- Schrein ein großes Fest statt, bei dem allen Hirschen das Geweih gekürzt wird. Deshalb haben die Nara-Hirsche keine großen Geweihe, und das Risiko, von einem zu aufdringlichen Hirsch auf das Geweih genommen zu werden, hält sich in Grenzen.

Tierliebe auf Japanisch
Die Hirsche werden mit Reisgebäck gefüttert, das eigens hierfür gebacken wird. Nara, ein Hort der einstigen vegetarischen Tradition? Weit gefehlt, Yakitori und Gyudon, Sushi und Sukiyaki, Beef- und Chickenburger "munden" leider auch in Nara.
Der einzige Trost: Hirschgulasch in Rotweinsauce wird man in den Restaurants der Stadt vergeblich suchen. Was ist noch übrig vom einstigen vegetarischen Utopia? Nicht viel, höchstens der historische Beweis, dass es für eine ganze Nation durchaus möglich ist, sich vegetarisch zu ernähren. Und in gut geführten Ryokans, den traditionellen und sündhaft teueren Gästehäusern des alten Japans, kennt man noch die vegetarischen Köstlichkeiten, die ein wahrer Augen- und Gaumenschmaus sind.

Blick in die Zukunft
Viel ist also nicht geblieben; der Westen hat ganze Arbeit geleistet - das Unheil kam aus dem Westen. Aber: Einige Tierschutz- und Tierrechtsgruppen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Japan in Richtung seiner vegetarischen Wurzeln zu führen, allen voran SASA Japan und ALIVE, und erste, kleine Erfolge haben sich eingestellt. (siehe: www.tierrechteportal.de/Sasa/index.html) So bleibt abschließend zu hoffen, dass Japan eines Tages zu seinen Wurzeln zurückfinden wird.

Tierbestand pendelt sich ein

Interessant am Phänomen der Nara-Hirsche ist die Tatsache, dass seit vielen Jahrhunderten keine Tiere geschossen und sterilisiert wurden und trotzdem der Tierbestand stabil geblieben ist. Natürlich kommen auch Hirsche in Nara durch den Straßenverkehr ums Leben, doch es beweist die Richtigkeit der These, dass Tiere ein eigenes System haben, ihren Bestand selbst zu regulieren, ohne dass der Mensch eingreift. Und zweitens, dass Tiere ihre Scheu verlieren, wenn der Mensch sie nicht verfolgt und tötet. Zutrauen ist also natürlich, nicht die Scheu! 

Fotos auf dieser Seite: Gunda Niedermeyer & Thomas Lottermoser www.gunda-und-thomas-in-japan.de

Stefan Bernhard Eck, Leiter/Sprecher Arbeitskreis Tierrechte & Ethik A.K.T.E. (www.tierrechteportal.de - www.frasskultur.de): Ich danke an dieser Stelle Lydia Tanabe, die mich bei den Recherchen zu diesem Artikel unterstützt hat. Lydia Tanabe lebt seit über 15 Jahren in Japan und ist die Begründerin und Leiterin von SASA (Small Animals support association, www.sasajapan.org) und Mitarbeiterin/ Ressort Fernost bei AKTE.