Reumütiges Bekenntnis eines Vaters der seine Tochter wegen ihrer vegetarischen Ernährung jahrelang bekriegte.
Lieber Mr. Robbins,
Ihr Buch „Ernährung für ein neues Jahrtausend“ hat auf mich und meine Familie einen großen Einfluss gehabt. Vor etwa zwei Jahren hätte ich Sie für dieses Buch am liebsten umgebracht. Lassen Sie mich erklären, warum.
Ich bin ein außergewöhnlich erfolgreicher Mann. Ich bin es gewohnt, dass alles nach meinen Vorstellungen läuft. Eines Tages ließ mich meine Tochter Julie wissen, dass sie Vegetarierin werden wolle. Sie hatte Ihr Buch gelesen. Ich dachte, das sei doch lächerlich, und bestand darauf, dass sie mit diesem Unsinn aufhöre. Als sie mir nicht gehorchte, wurde ich wütend. “Ich bin dein Vater”, sagte ich. “Ich weiß es besser als du.”
“Ich bin deine Tochter”, antwortete sie. “Und es ist mein Leben.“
Wir haben uns immer wieder über dieses Thema gestritten. Unser Verhältnis wurde zunehmend schlechter, und den Tiefpunkt erreichten wir stets dann, wenn wir uns in eine endlose Vegetarismus-Debatte verstrickten. Ich war sehr verärgert. So wie ich es sah, verhielt sie sich respektlos und böswillig. Ich dachte, sie wolle einfach nur ihren Willen durchsetzen. Das Gleiche sagte sie über mich. Am Anfang zwangen meine Frau und ich sie dazu, Fleisch zu essen. Sie regte sich dabei aber so auf, dass wir unsere gemeinsamen Mahlzeiten nicht mehr genießen konnten. Schließlich gaben wir auf, obwohl wir uns noch immer im Recht sahen. Wir erlaubten ihr, vegetarisch zu essen. Ich sagte ihr allerdings, was ich davon hielt. “Es ist in Ordnung, idealistisch zu sein”, sagte ich zu ihr, “du solltest dabei aber mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben.” “Es ist in Ordnung, ein Rechtsanwalt zu sein”, sagte sie zu mir, “du solltest aber dein Herz dabei nicht verschließen.” Es war ein einziges Ärgernis.
An meinem Geburtstag brachte sie mir Frühstück ans Bett. Ich sah jedoch weder Schinken noch Wurst. Sogar die Eier fehlten. Es kam wieder zu Spannungen. Ich erinnerte sie daran, dass es mein Geburtstag sei, nicht ihrer. Daraufhin erklärte sie mir, wie Schweine und Hühner behandelt würden, und zitierte aus Ihrem Buch. Das war nicht das, was ich gleich am Morgen hören wollte, erst recht nicht an meinem Geburtstag.
Nach ihrem Schulabschluss zog Julie aus. Ich war eigentlich froh, weil ich es wirklich leid war. Bei jeder Mahlzeit kam es zu einer Diskussion: Ich wollte, dass sie Fleisch aß, aber sie weigerte sich. Sie wollte, dass ich aufhörte, Fleisch zu essen, doch ich weigerte mich. Es gab nie Frieden. Doch als sie weg war, vermisste ich sie. Die Streitereien vermisste ich nicht, aber ich vermisste Julie viel mehr, als ich erwartet hatte.
Einige Jahre später fand Julie einen Ehemann, und kurz darauf wurde sie schwanger. Als unser Enkel geboren wurde, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Natürlich war dieses Gefühl nur von kurzer Dauer.
Ich hätte es wissen sollen. Julie hatte vor, unseren Enkel vegetarisch zu ernähren. Das ging mir nun eindeutig zu weit. “Du kannst dein eigenes Leben ruinieren, wenn du willst”, sagte ich zu ihr, “ aber auf keinen Fall darfst du die Gesundheit dieses unschuldigen Jungen ruinieren.” Nach meinem Empfinden war das, was sie tat, Kindesmisshandlung. Ich überlegte sogar, ob ich mich mit den zuständigen Behörden in Verbindung setzen sollte. Ich dachte, diese würden sie entweder dazu zwingen, unseren Enkel vernünftig zu ernähren, oder ihn aus ihrer Obhut befreien. Nur meine Frau konnte mich davon abbringen, diesen Schritt zu tun.
Das Ganze wurde schließlich so schlimm, dass Julie den Kontakt zu mir abbrach. Diese dämliche Besessenheit von vegetarischer Ernährung hatte mich nicht nur um die Beziehung zu meiner Tochter gebracht.
Jetzt hinderte sie mich sogar daran, meinen Enkel zu sehen, weil Julie ihn von mir fernhielt. Ich fühlte mich, als ob man mich ausgesperrt hätte. Ich dachte, dass ich zumindest versuchen sollte, die Tür wieder etwas zu öffnen. Also ließ ich Julie über meine Frau fragen (in dieser Zeit weigerte sich Julie sogar, mit mir zu sprechen), was sie sich zum Geburtstag wünschte. Sie sagte, dass sie sich von mir mehr als alles andere wünschte, dass ich Ihr Buch „Ernährung für ein neues Jahrtausend“ lese. Ich ließ sie wissen, dass das unmöglich sei, da es zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Sie sagte, dass ich für jede Stunde, die ich darin läse, genauso lange meinen Enkel sehen könnte. Sie war schon immer sehr schlau. Sie weiß, wo meine Schwachstellen liegen.
Also, Mr. Robbins, habe ich Ihr Buch gelesen. Ich habe es ganz durchgelesen, jedes Wort. Was mich am meisten entsetzt hat, war Ihre Beschreibung davon, wie Tiere behandelt werden. Ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm ist. Es ist grauenvoll, und ich stimme mit Ihnen völlig darin überein, dass man das nicht weiter geschehen lassen darf.
Ich weiß, was Grausamkeit ist, aber das ist zu viel!
Ich weiß, dass Sie all das schon oft gehört haben, doch kein Buch, das ich jemals gelesen habe, hatte einen ähnlich großen Einfluss auf mich. Ich war einfach überwältigt. Ich rief Julie an, als ich das Buch fertig gelesen hatte. “Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht anrufen sollst”, sagte sie sofort, als sie hörte, dass ich es war. “Ja”, sagte ich, “aber ich habe das Buch gelesen, und ich möchte, dass du zum Abendessen zu uns kommst und den Jungen mitbringst.”
Mr. Robbins, ich bin ein stolzer Mann, und was ich ihr als Nächstes sagte, fiel mir nicht leicht. Ich wusste aber, dass ich es sagen musste, also sagte ich es. “Liebe Julie, bitte vergib mir. Es wird keinen Streit mehr geben, wenn du zu uns kommst. Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht, und ich verstehe das jetzt. Wenn du kommst, wird es kein Fleisch geben, für niemanden.” Auf der anderen Seite der Leitung war es still. Später erfuhr ich, dass sie weinte, doch in dem Moment merkte ich es nicht. Ich wusste nur, dass ich noch etwas anderes sagen musste.
“Und es wird in diesem Haus niemals mehr Fleisch geben, das aus Massentierhaltung stammt.”
“Machst du Witze?”
“Nein”, sagte ich, “ich meine es ernst.”
“Dann kommen wir”, sagte sie.
Und ich meinte es wirklich ernst. Es hat seitdem bei uns
kein Fleisch mehr gegeben. Wir kaufen es einfach nicht mehr. Julie zeigt uns, wie man vegetarische Burger, Tofu und viele andere Dinge zubereitet, über die ich mich früher lustig gemacht habe. Es stört mich überhaupt nicht mehr. Ich betrachte es als eine Art Abenteuer.
Seitdem waren sie viele Male bei uns zum Abendessen. Es waren glückliche Abende. Mr. Robbins, können Sie verstehen, was mir das bedeutet? Ich habe meine Tochter wieder und meinen Enkel. Meine Tochter ist ein wunderbarer Mensch. Und unser Enkel hatte noch nie eine Erkältung, eine Ohrinfektion oder irgendeine der anderen Krankheiten, die Kinder in seinem Alter oft bekommen. Julie sagt, das liege daran, dass er so gut ernährt wird. Ich sage, es liegt daran, dass er die beste Mutter der Welt hat. Was diesen Tieren angetan wird, ist großes Unrecht. Sie haben Recht. Tiere sollten niemals auf diese Weise behandelt werden.
Nie. Nie. Nie. Nie. Nie.
Ich verspreche Ihnen das, was ich auch Julie versprochen habe. Ich werde niemals mehr ein Stück Fleisch essen, das von einem Tier stammt, das so behandelt wurde.
Wenn Julie heute sagt, dass Tiere ihre Freunde sind und sie ihre Freunde nicht isst, sage ich nichts mehr dagegen, so wie ich das früher tat. Ich lächle nur. Ich freue mich, dass ich mich mit einem so außergewöhnlichen Menschen wieder gut verstehe. Und ich bin froh, dass ich meinem Enkel in die Augen schauen kann, in dem Wissen, dass ich dazu beitrage, die Welt zu einem besseren Ort für ihn zu machen.
Mit respektvollen Grüßen,
(Name bleibt auf Wunsch ungenannt)
Quelle: John Robbins: Food
Revolution, Hans-Nietsch-Verlag
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