Selten wurde die Ernährung von Kindern so heftig in der Öffentlichkeit diskutiert wie zur Zeit: Kinder leben mehr und mehr von Junk Food, bewegen sich kaum und werden offenbar immer dicker. Wir fragten hierzu Dr. med. Annemarie Groß
Veg: Wird das Thema "dicke Kinder" heute hochgspielt, oder gibt es wirklich immer mehr übergewichtige Kinder?
Dr. Annemarie Groß: Leider ist es so. Und zwar weltweit. Der Chef der Amerikanischen Gesundheitsbehörde bezeichnet die Adipositas als den "Terror von Innen". Man befürchtet, keinen Nachwuchs mehr für Polizei und Feuerwehr zu bekommen, da Übergewichtige mit vielen Folgeerkrankungen zu kämpfen haben, die die Leistungsfähigkeit herabsetzen.
Veg: Wo genau liegen die gesundheitlichen Probleme?
Dr. Annemarie Groß: Übergewicht führt häufig zu Herz-Kreislauf- und StoffwechselErkrankungen wie z.B. Diabetes. Der so genannte Altersdiabetes, also Diabetes Typ II, kommt heute immer öfter schon im Kindesalter vor. Auch Allergien und eine allgemeine Entzündungsbereitschaft des Körpers sind Folge ungesunder Ernährung bei Kindern. Lehrer und Erzieher beobachten darüber hinaus, dass Lernstörungen bei Kindern und Jugendlichen sehr stark zunehmen. Der Tenor auf einem Kongress in Edinburgh lautete gar: Junk Food zerstört die Gehirne der Kinder. Fest steht: Eine Ernährung mit zuviel Fleisch und Wurst, viel Fett, viel Zucker, im Grunde die heute übliche sogenannte Mischkost, kann gerade bei Kindern zu vielen Problemen führen. Auch die Schwermetalle und andere Umweltgifte, die vor allem über Fleisch und Fisch aufgenommen werden, können dem kindlichen Organismus erheblichen Schaden zufügen.
Veg: Wie kann man gegensteuern?
Dr. Annemarie Groß: Man empfiehlt heute für Kinder eine Ernährung mit möglichst wenig Fleisch, wenig Fastfood, weniger Kalorien und viel Obst und Gemüse.
Veg: Die meisten Hausärzte sagen aber, dass Kinder für ihre Entwicklung auf jeden Fall Fleisch benötigen.
Dr. Annemarie Groß: Leider sind viele Kollegen, was die Ernährungsmedizin betrifft, nicht auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Ernährung spielt im Medizinstudium zudem so gut wie gar keine Rolle, und viele Ärzte versäumen es, sich auf diesem Gebiet fortzubilden.
Veg: Neben vermehrtem Verzehr von Fastfood kann man bei vielen Jugendlichen in den letzten Jahren auch einen umgekehrten Trend beobachten, nämlich dass sie aus Überzeugung Vegetarier sind. Oft mögen schon ganz kleine Kinder keine Tiere essen. Viele Eltern haben dann Sorge, dass ihre Kinder zu wenig Nährstoffe aufnehmen könnten. Ist diese Angst berechtigt?
Dr. Annemarie Groß: Absolut nicht! Im Gegenteil: Eine ausgewogene vegetarische Ernährung ist die gesündeste Ernährung - auch für Kinder. Führende Ernährungsexperten bestätigen dies. Die Amerikanische Gesellschaft für Ernährung, also die größte Ernährungsfachgesellschaft der Welt, vertritt den Standpunkt, dass eine sorgfältig geplante vegetarische Kost gesund und ernährungsphysiologisch angemessen ist, normales Wachstum fördert und einen gesundheitlichen Nutzen zur Vorbeugung und Behandlung bestimmter Krankheiten bietet. Das gilt für Säuglinge, Kinder und Heranwachsende.
Veg: Welche gesundheitlichen Vorteile sind mit der vegetarischen Lebensweise verbunden?
Dr. Annemarie Groß: Eine vegetarische Kost in der Kindheit und Jugend kann zur Bildung von lebenslang gesunden Essgewohnheiten führen. Vegetarier haben eine geringere Zufuhr von Cholesterin, eine geringere Zufuhr gesättigter Fettsäuren, und sie nehmen insgesamt weniger Fett auf. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird somit geringer. Vegetarier essen mehr Früchte und Gemüse und verzehren damit mehr Ballaststoffe als Nichtvegetarier. Sie sind meist schlanker, leiden seltener an Krebs, Diabetes, Gicht und Osteoporose. Diese Erkenntnisse beruhen auf einer ausgezeichneten Datenlage: In den letzten Jahren wurden zu diesem Thema 200-300 Studien ausgewertet. Auch die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) kommt zu ähnlichen Schlüssen.
Veg: Kann man ein Kind auch vegan ernähren, also auch ohne Milch- und ohne Eiprodukte?
Dr. Annemarie Groß: Bei veganer Ernährung sollte eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D und vorallem mit Vitamin B12 erfolgen. In USA gibt es bereits Soja-Produkte, die mit Vitamin B12 angreichert sind, hier bei uns muss man sich noch mit Präparaten aus der Apotheke behelfen.
Veg: Worauf muss man bei der Ernährung von Kindern generell achten?
Dr. Annemarie Groß: Bezogen auf das Körpergewicht haben Kinder einen höheren Nährstoffbedarf als Erwachsene: 1-3 jährige Kinder benötigen 100 kcal pro Kilogramm Körpergewicht, Erwachsene nur 30-40 kcal. Bei Kindern wird auch ein höherer Fettanteil empfohlen. Der Kohlenhydratanteil sollte bei über 50% liegen. Auch ist eine ausreichende Menge an Eiweiß für das Wachstum wichtig. Ebenso sollte die Nahrung genügend Eisen und Calcium enthalten. Eisen benötigt der kindliche Organismus zur Vermehrung der Körpermasse und Calcium ist für das Knochenwachstum notwendig.
Veg: Und das kann man nicht mit vegetarischer Ernährung hinbekommen?
Dr. Annemarie Groß: Das ist überhaupt kein Problem, im Gegenteil. Was die Eiweißzufuhr betrifft: Da haben wir in den westlichen Ländern eher ein Überangebot. Die meisten Menschen, auch die meisten Kinder, nehmen eher zuviel Eiweiß zu sich als zu wenig. Auch vegetarisch ernährte Kinder nehmen aureichend Eiweiß auf. Eiweiß ist übrigens nicht nur in tierischen Produkten vorhanden, sondern auch in Getreide, in Linsen, Bohnen und an-deren Hülsenfrüchten, in Nüssen, Kartoffeln etc..
Veg: Wie sieht es mit dem erwähnten Eisen aus?
Dr. Annemarie Groß: Vollgetreide, Bohnen, Linsen, Cashewkerne, Sojabohnen, Hafer, Quinoa, Kartoffeln, Tomaten, Aprikosen, Feigen, Birnen, Rosinen, Äpfel und grüne Blattgemüse sind gute Eisenquellen. Wird zusätzlich mit der Mahlzeit Vitamin C aufgenommen, z.B. in Form eines Fruchtsaftes, wird die Eisenaufnahme aus pflanzlichen Nahrungsmitteln zusätzlich verbessert. Eisenmangel kommt jedenfalls bei Vegetariern nicht häufiger vor als bei Mischköstlern.
Veg: Ist auch die Calciumversogung gewährleistet?
Dr. Annemarie Groß: Milchprodukte haben einen hohen Calciumanteil. Doch auch bei veganer Ernährung ist kein Calcium-Mangel zu befürchten. Veganer haben zwar eine niedrigere Aufnahme an Calcium, können diese aber durch gesteigerte Verwertung ausgleichen. Auch wirkt sich die niedrigere Eiweißaufnahme von Veganern günstig aus, da bei einem geringeren Verzehr tierischen Ei-weißes weniger Calcium über den Urin ausgeschieden wird. Pflanzliche Quellen für Calcium sind Broccoli, Grünkohl, Lauch, Kohlrabi, Bohnen, Mandeln, Sesam, Feigen, Orangen, Bananen und auch Äpfel.
Veg: Sind Kinder bei einer ausgewogenen vegetarischen Küche optimal versorgt?
Dr. Annemarie Groß: Alle Studien bestätigen, dass sowohl die vegetarische als auch die vegane Kost für Kinder gut geeignet ist. Vegetarische Ernährung führt zu normalem Wachstum und bringt, wie wir vorhin schon gehört haben, viele gesundheitliche Vorteile. Die Eltern sind verantwortlich für eine gesunde Ernährung ihrer Kinder. Daher sollte man sich mit dem Thema gesunde Ernährung auseinandersetzen. Doch kann man es auch einmal mit Gelassenheit angehen. Wenn ein Kind ein Gemüse absolut nicht mag, gibt es ein anderes, das ebenfalls gesunde Nährstoffe enthält und das ihm schmeckt. Und wenn Kinder eine Phase haben, in der sie z.B. nur Kartoffeln mögen, aber keinen Reis, oder nur Bananen aber keine Äpfel, dann kann das durchaus seinen Sinn haben. Kinder haben oft noch ein angeborenes Empfinden dafür, was sie brauchen. Bereits in den 20 er Jahren des letzten Jahrhunderts kam die kanadische Kinderärztin Clara Davis zu folgenden Erkenntinissen: Sie ließ Kinder im Alter von 6-9 Monaten aus einer Reihe von angebotenen Nahrungsmitteln selbst wählen, was sie essen wollten. Instinktiv nahmen die Kinder immer das Richtige. So aß z.B. ein Kind mit wenig Magensäure vorzugsweise Sauerkraut, Ein anderes Kind wählte das, was ihm bei einer bestimmten Krankheit fehlte, jedenfalls solange, bis der Mangel ausgeglichen war. Der holländische Professor Köster kam aufgrund neuerer Studien zu ähnlichen Schlüssen: Kinder zwischen einem und vier Jahren treffen instinktsicher eine gute Wahl für Nahrungsmittel, die für sie wichtig sind. Sie hören auf zu essen, wenn sie genug Kalorien haben, und nehmen auch Salz nur in zuträglichen Mengen zu sich.
Veg: Dieses natürliche Empfinden, was gut ist und was weniger, haben die meisten Erwachsenen verloren.
Dr. Annemarie Groß: Eine Prägung auf ungünstige Ernährung kann bereits früh stattfinden. Kinder, die sehr früh Fertignahrung mit synthetischem Vanillin bekamen, hatten später eine starke Vorliebe für diesen Geschmack: viermal häufiger als Kinder, die mit Muttermilch gestillt wurden. Das wissen auch die Lebensmittelkonzerne. Daher wird möglichst früh der Geschmack der Kinder über künstliche Aromen beeinflusst. Industrielle Nahrungsmittel mit vielen Zusatzstoffen und Aromastoffen täuschen unseren Geschmackssinn. So geht das Empfinden für gesunde, hochwertige Nahrung langsam verloren.
Veg: Was empfehlen Sie da?
Dr. Annemarie Groß: Man sollte den Kindern naturbelassene Nahrungsmittel anbieten, die auch noch nach etwas schmecken. So oft wie möglich sollte auch das gemeinsame Essen gepflegt werden, damit sie auch eine gewisse Esskultur lernen. Für die Kinder ist es auch schön, wenn sie ab und zu mitkochen dürfen. Sie bekommen dann direkteren Zugang zu den Lebensmitteln und lernen die zubereiteten Gerichte besser schätzen. Und wenn man die Karotten oder die Bohnen selbst geschnitten hat, will man sie auch meist hinterher probieren. Viele Kinder naschen auch während des Kochens schon ein bisschen von den Zutaten, die sie vielleicht nicht so gerne essen würden, wenn sie als "Rohkostteller" auf dem Tisch stünden. Wichtig ist auch, dass Kinder Spaß an gesunder Nahrung bekommen. Sei es, weil sie auch mal Freunde einladen dürfen, oder weil die Speisen lustig dekoriert sind.
Eine Form der Zuwendung oder Beruhigung für Kinder sind oft Süßigkeiten, Softdrinks, Chips etc.. Es wird viel zwischendurch gegessen oder nebenbei beim Fernsehen. Hier sind die Familien gefordert, auch andere Quellen der Entspannung oder der Freude zu finden, z.B. gemeinsame Ausflüge, Sport, Musik oder Spiele.
Veg: Vielen Dank für das Gespräch!



















